Detaillierte Baubeschreibung

Lagebeschreibung

Zwischen dem von Nordosten nach Südwesten fließenden Argenkanal und der dazu nördlich parallel verlaufenden Straße „Spinnereigarten“ erstreckt sich die Wohnanlage von Wohnen+.

Diese besteht aus einem bestehenden zu sanierenden alten Arbeiterhaus, einer Reihenhauszeile an der Straße Spinnereigarten und dem Haus am Kanal, welches sich in gleicher Länge parallel am Kanal erstreckt und auf diese Weise einen rechteckigen gemeinsamen Hof bildet.

Der o.g. Kanal treibt ca. 50m entfernt ein Wasserkraftwerk mit Turbine an. Je nach Betriebszustand emmitiert das Kraftwerk die typischen Geräusche.

Entwurfsgedanken

Die Bebauung von w+ erfolgt auf dem Gelände der ehemaligen Arbeitersiedlung. Dabei wird ein ehemaliger Straßenzug von 1870 in der selben Länge wieder hergestellt. Im Garten dieses 55,50 m langen Hauses wird ein weiteres Gebäude in selber Länge errichtet.

Geprägt war dieses Viertel von dichter Bebauung und großen einfachen Baukörpern. Es waren schlichte funktionelle Gebäude mit lauter gleichen Fenstern; einziger Schmuck: ein kleiner Zwerchgiebel auf einem Mittelrisalit (vorspringender Gebäudeteil).

Den Atem bzw. den Duktus dieser einfachen Gebäude sollen die neuen Gebäude weiterführen. Genossenschaftlicher Wohnungsbau ist Bauen für Generationen: Grundsolide, einfach, auf keinen Fall modisch. Unspektakulär, wartungsarm, mental leicht erfaßbar bzw. nachvollziehbar.

Das sind zum einen die Grundrisse, die klar und logisch sein müssen. Knappe Flure, aber doch mit Stau- und Bewegungsfläche, helle Wohnräume, funktionale Raumbeziehungen, praktische Küchen. Daß einige Wohnungen keine Balkone bekommen, gehört allerdings nicht zu der hier gelobten Einfachheit. Das resultiert aus städtischen Planungsvorgaben.

So gibt es also einerseits die funktionelle Einfachheit in den Grundrissen, die sich in knappen, aber ausreichenden Flächen ausdrückt und andererseits die Einfachheit in den verwendeten Baumaterialien.

Dazu sagte Prof. Franz Hart (TU München) in einer Vorlesung: „Bauen ist doch ganz einfach: Entweder man nimmt das billigste oder das teuerste.“ Dann zeigte er Bilder seines eigenes Hauses: helle Räume mit Holzriemenböden, gekalkte Wände, gerade Holztreppen, einfache Möbel. Und dann das teure: Da hat er in Italien einen Posten historischer handgemalter Fliesen gekauft und die in seinem Haus verlegt. – Nun das werden die Genossen so nicht nachmachen.

Die Materialien sollen vor allem echt sein: lieber Holz als Sperrholz, keine Spanplatte mit Holzdekor, sondern eben Holz – mit seinen positiven Eigenschaften und eben auch den „negativen“, daß Holz z.B. schwindet und quillt. Wenig Lacke und ausgasende Stoffe. Keine verklebten Materialien, die nicht mehr trennbar sind wie z.B. alu-kaschierte Dämmungen und nur als Sondermüll entsorgt werden können. Die Forderung nach ökologischem Bauen in der Präambel der w+-Genossenschaftssatzung gibt hierzu schon die Richtung vor. Damit wird sich die Wohngesundheit einstellen, die die Bewohner brauchen werden.

Die zur Ausführung kommende Material-Palette aus Holz, Eisen, Putz, Naturstein (bzw. auch Beton) soll so aufeinander abgestimmt werden, daß sich eine freundliche, zeitlose, stimmige Atmosphäre ergibt – abseits raffinierter Baumarktmaterialien.

Wo die Zeitlosigkeit allerdings eine Ausnahme bekommt, ist in der technischen Ausstattung. Diese wird und muß auf dem aktuellen Standard sein: Dämmstandard, Wasserhygiene, Heizung, Fensterqualität, Lüftung.

Nachdem unsere DIN-Normen und Standards weitgehend von der Industrie aus Eigeninteresse immer höher geschraubt werden, sind hier zwei Abstriche in technischer Hinsicht vorgesehen:

    • Die Wärmemengenzählung ist sehr teuer. Sie braucht alle 5 Jahre ein Auswechseln der Meßeinheit. Dies ist unterm Strich teurer als der etwaige Mehrverbrauch durch die Tatsache einer „Nichtablesung“. Es soll hier nur ein Steckplatz für einen Zähler eingebaut werden.
    • Wasserhygiene: Der letzte Verbraucher in einer Wohnung braucht nach Standard eine automatische Spülung, um sicherzustellen, daß im stehenden Wasser keine Bakterien entstehen. So eine Spülung ist teuer. Es ist ersatzweise in den Mietverträgen als Pflicht einzutragen, daß jeder Bewohner sicht verpflichtet, das Wasser in den Leitungen nicht länger als 72 Stunden stehen zu lassen, sondern sie öfter zu spülen.

Die Gebäude:

• Vorderhaus

Es besteht aus 3 Teilen:

Dem denkmalgeschützten Altbau (Plan A ), der sich nach der Renovierung als 2 Doppelhaushälften darstellt. Die Renovierung erfolgt in Absprache mit dem Denkmalamt, d.h. sie wird behutsam erfolgen: möglichst viel der alten Substanz wird belassen oder restauriert. Fehlendes wird ergänzt. Wände, Türen bleiben möglichst. Trotzdem wird das Gebäude nach der Renovierung gutes behagliches Wohnen mit sauberen Böden und Wänden, Wandheizungen, Bädern nach heutigem Standard usw. ermöglichen.
An den Altbau schließt ein Zwischenbau ((Plan B) an, der im EG einen Saal mit Küche birgt. In den zwei Obergeschossen ist jeweils eine Wohnung untergebracht. Im Keller dieses Zwischenbaues sind die Anschlüsse von Wasser und Strom, die Wärmeübergabestation usw.

Weiterhin schließen nach Westen fünf schmale Reihenhäuser (Plan B) an. Sie sind komplett unterkellert und ermöglichen Familien auf knappem Raum gut zu leben. Auf drei Ebenen sind die Zimmer, der Keller bietet Platz für Hobby und Lager.

• Haus am Kanal

Das Haus am Kanal (Plan C) mit drei Vollgeschossen, Dachgeschoß und Keller hat ein Geschoß mehr als das Vorderhaus. Es birgt 19 Geschoßwohnungen von 32 bis 137 qm und hat insgesamt 1.335 qm Wohnungsflächen (s. WF-Berechnung). Sie sind durch den Aufzug allesamt barrierefrei erreichbar.

Ein Teil der Gemeinschaftsräume der Wohnanlage ist im Dachgeschoß (150 qm) dieses Gebäudes untergebracht, u. a. Gästezimmer, und ein weiterer Teil im Keller, darunter eine Waschküche und eine Fahrradwerkstatt. Gemeinschaftlich nur für dieses Gebäude sind hingegen die Fahrradstellplätze im Keller. Ebenfalls für die Wohnungen sind Kellerabteile vorgesehen.

Zeitrahmen

Da die Wohnanlage Teil der Landesgartenschau 2024 ist, ist wohnenPlus zur Fertigstellung aller Gebäude bis 2020 verpflichtet.

Baubeschreibung für die Neubauten

Energieeffizienz: Energieeffizienzklasse KW 55 oder besser.

Keller: wärmegedämmter Betonkeller mit Betondecke. Das Gebäude befindet sich oberhalb der grundwasserführenden Schichten, d.h. es ist keine weiße Wanne erforderlich. Betonierte Fertig-Lichtschächte.

Geschosse: Über dem mit Betondecke abgeschlossenen Keller wird das Gebäude in Holzständerbauweise errichtet. Die Decken über den oberirdischen Geschossen sind Brettstapeldecken, ggf. mit Schüttung, darüber auf Holzfaserdämmung schwimmend verlegtem Zementestrich und Dielenboden. Deckenunterseite ggf. Gipsfaserplatte an Federschienen.

Fassaden: Die Ständerkonstruktion ist außen mit einer Holzweichfaserplatte, innen Wandaufbau mit einer Diagonalschalung beplankt und wird mit Zellulose ausgeblasen.
Die Weichfaserplatte außen wird verputzt, innen folgt auf die Abdichtung mit Windpapier, Luftlattung und doppelte Beplankung mit Gipsfaser, bei kleinen Wohungen ggf. einfache Beplankung ohne Lattung.
Ggf. auch Installationsebene mit 4cm Holzrahmenkonstruktion und 4cm Holzflexdämmung. Die Außenwände ermöglichen den Abtransport überschüssiger Luftfeuchtigkeit.
Eine Befestigung auch schwerer Gegenstände an den Wänden ist überall möglich, wenn bis in die Diagonalverschalung geschraubt wird.

Dach: Kehlbalkenkonstruktion, Aufbau analog der Außenwand, Zellulosedäm- mung zw. den Sparren, Holzfaserunterdeckplatte, Lattung. Deckung mit Falzbiberziegeln. Schneefanghaken bzw. Leiterschneefang. Innen Brettverschalung (ggf. lackiert) oder mit Gipsfaserplatte beplankt.

Spengler: Blecharbeiten wie Rinnen, Einfassungen usw. in verzinntem Edelstahl.

Fenster: Eichenholz, 3-fachverglast, innen und außen liegende dünne Sprossen. geölt – gestrichen. Die dreiteiligen Fenster werden so ausgebildet, daß sie komplett geöffnet werden können

Sonnenschutz: Klappläden aus Stahl, Fenstertüren mit Jalousien in bündigem Kasten.

Fensterbänke: innen massives Holz, außen: Edelstahlblech.

Türen: Holz, massiv, evtl. Lärche. Beschläge in Eisen schwarz

Böden: Riemenböden, evtl. Lärche geölt Bäder: Fliesen bzw. Steinzeug Treppenhaus: evtl. Estrich geschliffen oder Naturstein

Treppenhaus: Sichtbetontreppen, Stahlgeländer im Haus am Kanal Holztreppen in den Reihenhäusern.

Laubengang: leichte offene Brüstungen aus Stahlnetz oder Stahlgitter Böden aus Gehwegplatten

Haustechnik: Wärmeerzeugung Das Gebäude ist an die Wangener Nahwärme (Hackschnitzelheizung) angeschlossen.
Wärmeverteilung Die Wohnungen werden über Wand- oder Fußbodenheizungen geheizt.
Wärmezähler Es werden Montageplätze eingerichtet, aber nicht mit Zählern versehen. Ansatz: Zähler, Ablesen, Umrechnen ist ein großer Aufwand. Wir versuchen es ohne (Prinzip Wogeno, München)
Lüftung Alle Wohnungen werden feuchtegesteuert entlüftet (z.B. Fabr. Aereco).
Brauchwasser Jede Wohnung wird über eine eigene Frischwasserstation mit warmem Wasser versorgt. Somit wird kein warmes Brauchwasser bevorratet.
Badausstattung Die Bäder werden mit Sanitärgegenständen ausgestattet: Rollenhalter, Handtuchhalter, Spiegel

Küchen: Nutzer können bei Erstbezug Küchen mitbringen, wenn sie das wollen. Die anderen Wohnungen sollen mit einheitlichen Küchen ohne Geräte ausgestattet werden. Geräte sollen / können auf Wunsch der Nutzer über eine Großbestellung gekauft werden. Sie sind vom Nutzer zu bezahlen und werden deren Eigentum.

Außenanlagen: Lt. Kaufvertrag sind Wege mit Naturstein zu auszuführen, Hecken sind als geschnittene Buchenhecken auszuführen.
Gartengrundstück Es soll von der Stadt ein Gartengrundstück in der Nähe für Gemüseanbau und Aufenthalt dazugepachtet werden. Darüber wurde bereits des öfteren mit der Stadtverwaltung gesprochen. Als möglicher Platz wurde eine naheliegende Fläche neben den Schreber- gärten über dem Kanal in erwogen.

Theo Keller, Architekt, 18.2.2019

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